Unübersetzbare Wörter: Fika, Sobremesa, Saudade und mehr
Als Deutschsprachige kennst du das Phänomen von der anderen Seite. Wörter wie Feierabend, Fernweh oder Schadenfreude haben es in andere Sprachen geschafft, weil es dort schlicht kein passendes Wort dafür gibt. Und Kindergarten sagt man inzwischen sogar auf Englisch.
Umgekehrt haben andere Sprachen Wörter, für die wir im Deutschen einen ganzen Satz brauchen. Solche „unübersetzbaren“ Wörter sind kleine Fenster in eine Kultur. Sie zeigen, was den Menschen dort so wichtig ist, dass sie ein eigenes Wort dafür geschaffen haben.
Hier eine Reise durch Europa, entlang der Sprachen, die du in Parlumi lernen kannst.
Schwedisch: fika und lagom
Fika ist mehr als eine Kaffeepause. Es ist eine Verabredung zu Kaffee (oder Tee) und etwas Süßem, gern einer Zimtschnecke, und vor allem zum Miteinander. Man kann fika als Substantiv benutzen (Ska vi ta en fika?) oder als Verb (Ska vi fika?). In vielen schwedischen Firmen gehört die gemeinsame Fika fest zum Arbeitstag. Wer sie ausfallen lässt, verpasst oft die wichtigsten Gespräche.
Lagom bedeutet „genau richtig“, nicht zu viel und nicht zu wenig. Ein Kaffee, der lagom stark ist, eine Wohnung, die lagom groß ist. Das Wort steht für eine Haltung, die in Schweden oft geschätzt wird: Maß halten, sich nicht in den Vordergrund drängen, ausgewogen leben.
Niederländisch: gezellig und uitwaaien
Gezellig (das Substantiv: gezelligheid) ist vielleicht das niederländischste aller Wörter. Es beschreibt eine Atmosphäre, die gemütlich, gesellig und warm ist, aber auch einen Abend mit Freunden, ein Café, eine Person oder sogar ein Gespräch. Das deutsche „gemütlich“ kommt nahe heran, trifft aber nicht ganz das gesellige Element. Ein Abend allein auf dem Sofa ist gemütlich, ein Abend mit Freunden in der Kneipe ist gezellig.
Uitwaaien heißt wörtlich „auswehen“: bei kräftigem Wind nach draußen gehen, am besten an den Strand, und sich den Kopf frei pusten lassen. In einem Land mit so viel Küste und so viel Wind ist es nur logisch, dass es dafür ein eigenes Wort gibt.
Spanisch: sobremesa
Sobremesa ist die Zeit nach dem Essen, in der man noch am Tisch sitzen bleibt und redet. Nicht aufräumen, nicht aufstehen, sondern plaudern, oft bei Kaffee, manchmal stundenlang. Das Wort erzählt viel über die spanische Esskultur: Essen ist nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern Zeit füreinander. Wer in Spanien zu einem Mittagessen eingeladen wird, sollte für den Nachmittag besser nichts mehr planen.
Portugiesisch: saudade
Saudade ist das berühmteste unübersetzbare Wort Europas. Es beschreibt eine wehmütige Sehnsucht nach etwas oder jemandem, das fehlt: einem Menschen, einem Ort, einer Zeit, manchmal sogar nach etwas, das es nie gegeben hat. Saudade ist traurig und schön zugleich. In Brasilien sagt man im Alltag ganz selbstverständlich Estou com saudade de você („Du fehlst mir“ oder „Ich vermisse dich“). Das Wort steckt in unzähligen Liedern, vom portugiesischen Fado bis zur brasilianischen Bossa Nova.
Italienisch: dolce far niente und abbiocco
Dolce far niente heißt „das süße Nichtstun“: die Kunst, einfach mal nichts zu tun und es zu genießen, ohne schlechtes Gewissen. Ein Nachmittag auf der Piazza, ein Blick aufs Meer.
Abbiocco ist die schwere Müdigkeit nach einem üppigen Essen. Wir kennen das Gefühl alle, die Italiener haben einfach ein Wort dafür. Wer schon einmal ein italienisches Sonntagsmittagessen mit mehreren Gängen erlebt hat, versteht, warum.
Katalanisch: seny und rauxa
Die Katalanen beschreiben ihren eigenen Charakter gern mit zwei Begriffen. Seny steht für Vernunft, Besonnenheit und gesunden Menschenverstand. Rauxa ist das Gegenteil: ein plötzlicher Ausbruch von Leidenschaft, Übermut, Impulsivität. Die Idee dahinter ist, dass beide zusammengehören. Man ist meistens besonnen, aber ab und zu lässt man es krachen, etwa bei Festen mit Feuerläufen und Menschentürmen.
Französisch: dépaysement
Dépaysement beschreibt das Gefühl, aus dem eigenen Land oder der gewohnten Umgebung herausgerissen zu sein. Das kann negativ sein, eine Art Fremdheitsgefühl, aber sehr oft ist es positiv gemeint: Ein Urlaub, der dépaysant ist, bringt dich auf andere Gedanken, weil alles neu und anders ist. Gewissermaßen ist es das Gegenstück zu unserem Fernweh: nicht die Sehnsucht nach der Ferne, sondern das Gefühl, dort angekommen zu sein.
Englisch: cosy und serendipity
Cosy (amerikanisch cozy) wirkt auf den ersten Blick leicht übersetzbar, aber es ist ein sehr britisches Gefühl: ein warmer Pub an einem verregneten Abend, eine Tasse Tee unter einer Decke. Serendipity ist der glückliche Zufall, etwas Wertvolles zu finden, wonach man gar nicht gesucht hat. Viele Entdeckungen in der Wissenschaft wurden so gemacht.
Und das Deutsche?
Unsere eigenen Kandidaten sind nicht weniger aufschlussreich. Feierabend zeigt, wie klar wir Arbeit und Freizeit trennen. Gemütlichkeit zeigt die Liebe zur Behaglichkeit. Fernweh und Wanderlust erzählen von einem Volk, das gern reist. Und Treppenwitz, die schlagfertige Antwort, die einem erst auf dem Heimweg einfällt, gibt es übrigens auch auf Französisch: l'esprit de l'escalier.
Was uns diese Wörter lehren
Unübersetzbare Wörter erinnern daran, dass eine Sprache mehr ist als eine Liste von Vokabeln. Sie transportiert Gewohnheiten, Werte und Lebensgefühle. Wer eine Sprache lernt, lernt deshalb immer auch eine neue Art, die Welt zu sehen.
Vielleicht merkst du auch, dass du manche dieser Gefühle längst kennst, nur ohne Namen. Und vielleicht hast du nach diesem Artikel Lust, dir am Nachmittag eine fika zu gönnen oder nach dem Abendessen noch eine lange sobremesa einzulegen. Beides funktioniert übrigens auch auf Deutsch.